Karolingische Fresken in Naturns?

Ein unscheinbares Kirchlein 12km nordwestlich von Meran, geografisch bereits im Vinschgau gelegen: St. Prokulus in Naturns. Das äusserliche Grau weicht in der Abendsonne einem freundlicheren Beige-Ton. An der Aussenwand eine gotische Malerei, was man südlich des Brenners öfters sieht. Wären nicht die Hinweistafeln, niemand würde vermuten, welche kunsthistorische Einmaligkeit die Mauern bergen.

Eigentlich wollte man 1927 die gotischen Fresken sichern, als plötzlich unter Putz und Schmutz Fragmente von Wandmalerei zum Vorschein kam. Heute ist sich die Wissenschaft nicht einmal über das Alter einig, von der Deutung des Dargestellten ist noch gar nicht die Rede. Die Älteste Datierung verlegt diese in das 7. Jahrhundert, andere sprechen vom Hochmittelalter. So klar, wie es die der Kirche beigeordnete Ausstellung vermitteln möchte, ist die Faktenlage nicht.

Was es der Wissenschaft so schwer macht: Die Fresken sind ohne Vergleichsbeispiel. Am ehesten fühlt sich der Betrachter an angelsächsische Wandteppiche aus dem 9. und 10. Jahrhundert erinnert. Zudem scheint nachgewiesen, dass mehrere Künstler daran beteiligt waren und die Ausmalung der Kirche in mehreren Schritten erfolgte. Das die Fresken im 13. Jahrhundert übertüncht und übermalt wurden, kommt erschwerend hinzu. Große Teile wurden dadurch unwiederbringlich zerstört.

An der Nordwand wird vermutet, dass die Apostel dargestellt waren. Es könnte gut in einen Verschwörungsroman im Stil eines Dan Brown passen, dass die Anzahl der dargestellten Personen später durch Übertünchen und Übermalen “korrigiert” wurde. Im Altarraum sind nur so kleine Fragmente erhalten, so dass jegliche Aussage über die Darstellung Spekulation wäre. Einzug Christus als Weltenrichter kann als Motiv angenommen werden.

Die Südwand schließlich zeigt eine Darstellung, die ganz Volkstümlich als “St. Prokulus auf der Schaukel” gedeutet wird. Eine Schaukel ist es wohl nicht, auf der der Heilige sitzt, eher wird er über die Stadtmauer abgeseilt. Ob es sich um den Heiligen Prokulus handelt, gilt alles andere als gesichert, denn vieles spricht für Paulus als dargestellte Person. An der Westwand ein Rinderzug, davon sind drei Rinder schön erhalten. Viele wollen auch hier einen Zusammenhang mit St. Prokulus herstellen, dessen Begleiter Rinderhirten gewesen sein sollen.

Die Triumpfbogenwand ist das künstlerische Highlight. Am Scheitel die segnende Hand Gottes; Rechts davon ist das Lamm, links davon die Taube. Der verbliebene Bogenraum wird von zwei lebensgroßen Engeln gefüllt, die von manchen als spätantike Cherubim gedeutet werden.

Unerklärbarkeit wegen Unvergleichbarkeit – das ist die Faszination, die von den Fresken ausgeht. Ob diese nun zeitlich in die Spätantike oder das Hochmittelalter fallen, sollte für den Betrachter sekundär sein.

Der Kirchenbau selbst geht wohl auf ein spätantikes Wohnhaus zurück, das durch einen Brand zerstört wurde. Archäologische Untersuchungen sicherten Gräber innerhalb des Wohnhauses. Darauf entstand eine frühmittelalterliche Kirche, die um 1350 erweitert wurde, als sich die Herren der nahe gelegenen Feste Dornsberg das Kirchlein als letzte Ruhestätte wählten.

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